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16. April 2026

Konjunkturumfrage: Bis zu 30.000 Industriearbeitsplätze in Niedersachsen gefährdet

Jedes zweite Unternehmen plant den Abbau von Jobs: Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall, ist besorgt um den Industriestandort Niedersachsen. Foto: Link

Die Krise der niedersächsischen Industrie verschärft sich weiter und schlägt zunehmend auf die Beschäftigung durch. Nach der aktuellen Konjunkturumfrage von NiedersachsenMetall unter bundesweit 620 Unternehmen droht im Laufe des Jahres 2026 allein in Niedersachsen ein Verlust von bis zu 30.000 Industriearbeitsplätzen. „Die Lage ist ernüchternd. Wir sehen keine Stabilisierung, sondern eine weitere Verschlechterung auf breiter Front“, sagte der Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall, Dr. Volker Schmidt. „Wenn jedes zweite Unternehmen weiter Personal abbauen will, ist das ein tiefer struktureller Einschnitt in unseren Industriestandort.“

Auftragsmangel auf Höchststand – Industrie bleibt im Krisenmodus

Die Nachfrage bleibt der zentrale Schwachpunkt. Inzwischen berichten nahezu 60 Prozent der Unternehmen von Auftragsmangel – deutlich mehr als noch vor einem Jahr. Diese Entwicklung habe sich laut Schmidt bereits zum Jahresende 2025 anhand des eingetrübten Geschäftsklimas abgezeichnet. „Was an vorsichtigem Optimismus vorhanden war, ist spätestens durch den Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs, aber auch durch steigende Vorleistungskosten und instabile Lieferketten zunichtegemacht worden. Die Industrie kommt aus dem Krisenmodus nicht mehr heraus“, sagte Schmidt. „Dieser Dauerstress hinterlässt jetzt deutliche Spuren.“

Automobilindustrie im Zentrum – sechs von zehn Unternehmen bauen Stellen ab

Besonders betroffen ist die Automobilindustrie, die für Niedersachsen von zentraler Bedeutung ist: Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze im Land hängen direkt oder indirekt an automobilen Wertschöpfungsketten. Laut Umfrage planen sechs von zehn Unternehmen der Branche 2026 einen Personalabbau. „Niedersachsen ist in besonderem Maße abhängig von der Automobilindustrie. Wenn es dort zu Einschnitten kommt, wankt das gesamte industrielle Gefüge“, sagte Schmidt. „Wir sehen aktuell genau diese Entwicklung – und sie gewinnt an Dynamik.“
Der Beschäftigungsabbau erfolgt dabei überwiegend schrittweise: In acht von zehn Unternehmen, die Personal abbauen, werden freiwerdende Stellen nicht mehr nachbesetzt.

Parallel zum Stellenabbau fahren viele Betriebe ihre Aktivitäten zurück. Dabei haben mehr als 50 Prozent der Unternehmen ihre Produktions- und Investitionspläne angesichts der Krise in Nahost für 2026 noch einmal nach unten korrigiert, in der Automobilindustrie sogar rund 65 Prozent. Insgesamt reduziert jedes zweite Automotive-Unternehmen seine Produktion gegenüber dem Vorjahr, in der übrigen Metall- und Elektroindustrie sind es rund 40 Prozent. 
„Die Unternehmen ziehen sich auf Sicht zurück: weniger Produktion, weniger Investitionen, weniger Beschäftigung“, so Schmidt. „Das ist die klassische Abwärtsspirale – und wir stecken mittendrin.“

Investitionen wandern ab – zwei Drittel fließen ins Ausland

Besonders kritisch ist die Entwicklung bei den Investitionen. Nur noch jedes fünfte Unternehmen plant 2026 steigende Investitionen. Gleichzeitig fließen rund zwei Drittel der Neuinvestitionen ins Ausland, während nur etwa jede dritte Investition noch am Standort Niedersachsen erfolgt. Als Hauptgründe nennen die Unternehmen strukturelle Standortnachteile:
·    93 Prozent: weniger Bürokratie im Ausland 
·    92 Prozent: niedrigere Energiekosten 
·    90 Prozent: geringere Lohn- und Lohnnebenkosten 
·    knapp 70 Prozent: geringere Steuer- und Abgabenlast

„Das ist ein schonungsloses Urteil der Unternehmen über den Standort Deutschland“, sagte Schmidt. „Investitionen folgen den besseren Rahmenbedingungen – und die finden viele Unternehmen inzwischen eher im Ausland als bei uns.“

Abwanderung droht – EU-Verbrenner-Pläne stoßen auf massive Kritik

Auch der Blick nach vorn ist alarmierend: Mehr als jedes fünfte Automobilunternehmen hält eine Schließung von Produktionskapazitäten in den kommenden fünf Jahren für möglich, über 40 Prozent erwarten eine weitere Schrumpfung. Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung sind aus Sicht der Unternehmen die industriepolitischen Vorgaben aus Brüssel. 
So werden die EU-Pläne für ein faktisches Verbrenner-Verbot von der Automotivebranche nahezu geschlossen abgelehnt: 91 Prozent der Unternehmen bewerten die Vorgaben negativ. „Niedersachsen ist systemisch auf eine starke Automobilindustrie angewiesen. Umso unverständlicher ist es, dass ausgerechnet aus Brüssel Vorgaben kommen, die diese Schlüsselindustrie massiv unter Druck setzen“, sagte Schmidt. „Das hat mit marktwirtschaftlicher Steuerung wenig zu tun – das ist industriepolitischer Dirigismus.“ Besonders scharf kritisiert NiedersachsenMetall das jüngste „Automobilpaket“ der EU-Kommission. Dieses habe die Unsicherheit bei Herstellern und Kunden weiter verschärft, statt sie zu reduzieren.
„Die Kommission sendet widersprüchliche Signale: Einerseits wird über Flexibilität gesprochen, andererseits bleibt es beim Verbrennerverbot“, sagte Schmidt.

Konkret bemängelt die Industrie:

·    Die Ausnahmen vom Verbrenner-Verbot seien so eng gefasst, dass sie in der Praxis kaum Wirkung entfalten
·    Eine vollständige Anrechnung von E-Fuels und fortschrittlichen Biokraftstoffen im Flottenregime fehle weiterhin
·    Neue Vorgaben etwa für Unternehmensflotten verschärften den Druck zusätzlich und träfen insbesondere deutsche Hersteller

„Mit Technologieoffenheit hat das alles nichts zu tun, es ist vielmehr ein Verbrennerverbot durch die Hintertür“, sagte Schmidt. „Die EU ignoriert dabei bewusst, dass erfolgreiche CO2-Reduktion im Verkehr nur mit Marktakzeptanz, Infrastruktur und wettbewerbsfähigen Kosten funktioniert.“
Die Folgen seien bereits sichtbar: Als Reaktion auf die Vorschläge der Kommission erwarten 70 Prozent der Automobilunternehmen eine forcierte Verlagerung von Produktion an ausländische Standorte. „Die EU-Vorgaben zwingen die Autoindustrie geradezu, weiter zu schrumpfen“, betont Schmidt.

Appell an die Politik: Kurskorrektur auf europäischer Ebene notwendig

Vor diesem Hintergrund fordert NiedersachsenMetall neben nationalen Reformen auch eine klare Kurskorrektur in der europäischen Autopolitik. „Wir brauchen echte Technologieoffenheit“, unterstreicht der Verbandschef. „Dazu gehört die vollständige Anerkennung klimaneutraler Kraftstoffe, realistische Übergangsfristen und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen. Die Autoindustrie ist so groß, dass man zweimal überlegen sollte, bevor man sie kaputtmacht.“

Schmidts Fazit: „Die Zeit läuft uns davon. Wenn die Politik diesen Kurs nicht korrigiert, wird die industrielle Wertschöpfung zunehmend außerhalb Europas stattfinden – mit entsprechenden Folgen für Beschäftigung und Wohlstand bei uns.“

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