Mit zwölf Fachforen bot das Arbeitgeberforum 2026 von NiedersachsenMetall und der Arbeitgebervereinigung Hannover (AGV) erneut ein breites Spektrum an Themen rund um Arbeitsrecht, Personalpolitik, Sozialversicherungsrecht, Arbeitswissenschaften und Unternehmenspraxis. 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zum Austausch mit Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden.
Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung im Schloss Herrenhausen stand jedoch eine Frage, die weit über einzelne Unternehmen hinausweist: Wie attraktiv ist Hannover als Wirtschaftsstandort? Was erwarten Fach- und Führungskräfte von einer modernen Großstadt? Und wie gelingt es, die Stärken einer Region sichtbarer zu machen?
Dabei wurde das Thema bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: Wissenschaftlich fundiert, politisch kontrovers und satirisch zugespitzt wurde diskutiert, wie Hannover wahrgenommen wird, welche Herausforderungen bestehen und welche Chancen die Landeshauptstadt für die Zukunft bietet.
NiedersachsenMetall-Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Schmidt sprach sich mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein im Standortwettbewerb aus. Unter dem Titel „Hannover – raus aus dem Mittelmaß!“ warb er dafür, die Stärken der Landeshauptstadt stärker in den Mittelpunkt zu rücken. „Man sollte als Landeshauptstadt schon noch den Anspruch haben, eine Führungsrolle, ein Leitbild, ja eine Vorbildfunktion für den Rest des Bundeslandes, des drittgrößten der Republik, einzunehmen“, forderte der Verbandschef. Hannover verfüge schließlich über hervorragende Voraussetzungen als Forschungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort. Gleichzeitig stehe die Stadt im Wettbewerb um Fachkräfte, Investitionen und Innovationen. Entscheidend sei daher nicht nur die tatsächliche Standortqualität, sondern auch die Frage, wie Hannover wahrgenommen werde.
Das Problem ist nicht die Stadt, sondern ihr Image
Einen wissenschaftlichen Blick auf die Entwicklung des Hannover-Bildes warf die Historikerin Dr. Vanessa Erstmann. In ihrem Vortrag zeichnete sie nach, wie das Image der Stadt über Jahrzehnte entstanden ist und warum Hannover bis heute häufig als Synonym für Mittelmaß und Unauffälligkeit gilt.
Dabei machte Erstmann deutlich, dass Hannover keineswegs immer unter einem schlechten Image gelitten habe. Vielmehr sei die Stadt über lange Zeit von einem ausgeprägten Understatement geprägt gewesen. Während andere Städte ihre Besonderheiten offensiv vermarkteten, habe Hannover häufig die eigenen Stärken zu wenig hervorgehoben. Das Problem sei daher weniger die Stadt selbst als vielmehr die Wahrnehmung der Stadt.
Für nachhaltige Veränderungen brauche es mehr als einzelne Marketingkampagnen. Entscheidend sei eine gemeinsame Idee davon, wofür Hannover stehen wolle und welche Geschichte die Stadt über sich selbst erzählen möchte.
Unterschiedliche Rezepte für einen starken Standort
Um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Hannover ging es im politischen Triell zwischen Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) sowie seinen Herausforderern Dr. Axel von der Ohe (SPD) und Peter Karst (CDU). Onay verwies auf die Herausforderungen, die sich aus der Krise der Automobilindustrie ergeben. Diese Entwicklung sei auch in Hannover spürbar. Gleichzeitig habe sich die Stadt frühzeitig zur Elektromobilität bekannt und verfüge heute über eine der besten Ladeinfrastrukturen unter den deutschen Großstädten.
Peter Karst forderte mehr Mut zur aktiven Standortentwicklung. Hannover brauche „Wirtschaftsförderung statt Wirtschaftsverwaltung“. Ihm fehle der Wille, den Standort strategisch weiterzuentwickeln und ihm ein klares Profil zu geben.
Dr. Axel von der Ohe betonte die Bedeutung eines gemeinsamen Vorgehens aller Akteure. Wirtschaftsförderung könne nicht allein aus dem Rathaus heraus gelingen. Erfolgreiche Standortpolitik entstehe vielmehr im Schulterschluss von Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Auch das Thema Sicherheit spielte in der Diskussion eine wichtige Rolle. Die Teilnehmer verwiesen auf bereits umgesetzte Maßnahmen wie die Zusammenarbeit von Bundespolizei, Polizeidirektion Hannover und Landeshauptstadt Hannover in der sogenannten Quattro-Streife. Von der Ohe machte zugleich deutlich, dass Sicherheit mehr sei als Polizeipräsenz. Eine lebendige und attraktive Innenstadt sei immer auch eine sichere Innenstadt.
Beim Thema Image zeigten sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. „Lasst uns positiver über das reden, was positiv ist. Und auch offen über das, was nicht so gut läuft“, warb von der Ohe für einen ausgewogenen Blick auf die Stadt. Karst forderte eine übergreifende Idee, die Hannover Orientierung und Profil verleiht. Onay verwies auf die deutlich gestärkten Mittel für das Stadtmarketing und rief dazu auf, selbstbewusst für Hannover zu werben.
Satirische Spitzen und ernste Botschaften
Für einen Perspektivwechsel sorgte schließlich Günther der Treckerfahrer. Mit scharfem Humor nahm er die Debatte um das Standortimage aufs Korn und hielt Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit gleichermaßen den Spiegel vor.
Sein augenzwinkernder Vorschlag für einen neuen Hannover-Claim lautete: „Hannover – Wir sind die Provinz.“ Zugleich machte er deutlich, dass erfolgreiche Kommunikation allein nicht ausreiche. „Eine Kampagne ist kein Friedensgespräch, sondern ein Feldzug“, bemerkte er. Sein abschließender Rat an die Politik sorgte für viele Lacher im Publikum: „Macht einfach nicht so viel Scheiß, dann wird das Image von alleine besser.“
Mehr Potenzial als sein Ruf
Das Arbeitgeberforum 2026 zeigte, dass die Diskussion über Hannovers Zukunft weit über Fragen des Stadtmarketings hinausgeht. Es geht um wirtschaftliche Entwicklung, Fachkräftegewinnung, Sicherheit, Lebensqualität und die Frage, welches Selbstverständnis eine moderne Landeshauptstadt für sich beansprucht.
Wurden während der Veranstaltung unterschiedliche, mitunter kontroverse Perspektiven deutlich, zeichnete sich dennoch ein gemeinsamer Gedanke ab: Hannover verfügt über weit mehr Potenzial, als sein Image häufig vermuten lässt. Oder, wie Dr. Vanessa Erstmann zum Abschluss ihres Vortrags bemerkte: „Dafür, dass nur 63 Prozent der Bürger Hannover kennen, wird doch viel darüber geredet. Diese Mühe hätte sich keiner gemacht, wenn es hier so langweilig wäre.“