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Hannover |  19. September 2017

"Bitte mehr Sachlichkeit!" - Interview zum 'Dieselgate'

Niedersachsens Industriearbeitgeber fordern eine von Fakten bestimmte Debatte rund um den Verbrennungsmotor.

Seit "Dieselgate" tobt in Deutschland eine Debatte um die Zukunft des Verbrennungsmotors, insbesondere des Diesels.

Spätestens mit den Vorwürfen des Spiegels über ein angebliches Kartell der Autobauer hat die Diskussion noch einmal neue Fahrt aufgenommen. Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall, fordert im Interview eine sachlichere Debatte statt der derzeit stattfindenden Hetzjagd auf das Auto.


Herr Dr. Schmidt, im Nachgang des ersten Berliner Dieselgipfels vor einigen Wochen gab es erneut grundsätzliche Kritik an der Linie der deutschen Autohersteller. Zu Recht?

Volker Schmidt: Zunächst einmal ergab der Gipfel ein gutes, weil tatsächlich auch realistisch erfüllbares Ergebnis, was durchaus Hoffnung auch für den zweiten Gipfel Anfang September macht. Das führt uns hoffentlich wieder zu einer Debatte, die auf Fakten und nicht auf Hysterie beruht. Die Kombination aus Optimierung der Dieselfahrzeuge im Bestand und einem Anreizsystem über Prämien für einen Umstieg auf neuere Modelle ist der richtige Weg. Denn so kann die eingeforderte Schadstoffreduktion erreicht werden.

Die Fahrverbote scheinen aber nicht vom Tisch …

Volker Schmidt: Die Diskussion um Fahrverbote in ihrer aktuellen Form ist unsäglich. Nicht nur der Umstand, dass die deutschen Hersteller in unterschiedlicher Weise das Thema Schadstoffreduktion seit Jahren energisch angegangen sind und von Motorgeneration zu Motorgeneration immense Fortschritte erzielt haben. Es ist auch und vor allem eine politische Debatte, weil von der Politik immer ambitioniertere Grenzwerte gesetzt werden. Etwa Stickoxide für Dieselfahrzeuge von 500 Mikrogramm noch 2004 auf 80 Mikrogramm in 2014 - eine Reduzierung um 84 Prozent in 10 Jahren - oder Feinstaub von 140 Mikrogramm noch 1995 auf 4,5 Mikrogramm seit 2011, eine Reduzierung des Grenzwertes um sogar 97 Prozent binnen 16 Jahren. Das sind politisch gesetzte Werte, die von den Automobilherstellern einzuhalten sind und – ich betone – auch weit überwiegend eingehalten werden. Welche immense Entwicklungsanstrengungen von der Automobilindustrie hier abgefordert werden und auch umgesetzt wurden, findet keine Erwähnung.

Der Deutschen Umwelthilfe ist das nicht genug …

Volker Schmidt: Es mutet schon seltsam an, dass ein Verein wie die Deutsche Umwelthilfe mit ein paar Hundert Mitgliedern die öffentliche Meinung in unserem Land derart bestimmt und den Eindruck zu erwecken versucht, es würden von deutschen Herstellern nur noch Dreckschleudern produziert. Das ist unverantwortlich, auch weil man doch bedenken muss, dass bei vielen Menschen das Auto eine der größten Anschaffungen im Leben darstellt. Die kann man nicht per Federstrich quasi über Nacht komplett entwerten. Gestern noch klimafreundliche Alternative, wird der Diesel heute zur ‚Umweltbedrohung Nummer eins‘ degradiert - absurd.

Aber wenn die Grenzwerte nicht eingehalten werden? Das ist doch Gesundheitsgefährdung.

Volker Schmidt: Derzeit geht es wieder einmal viel zu sehr um gefühlte Wahrheiten. Hier wäre eine Debatte wünschenswert, der wissenschaftliche Fakten zugrunde liegen. Tatsache ist: Der auf den Verkehr entfallende Stickoxidausstoß ist seit 1990 von 1,5 Millionen Tonnen auf unter 0,5 Millionen Tonnen zurückgegangen – und das trotz Verdoppelung des Verkehrsaufkommens im selben Zeitraum. Diese Zahlen stammen übrigens vom Umweltbundesamt und diese Einrichtung steht nicht gerade im Verdacht, ein Erfüllungsgehilfe der deutschen Autoindustrie zu sein. Es muss auch um die Frage gehen, welchen Beitrag der Straßenverkehr überhaupt zur Reduzierung von Feinstaub und Stickoxiden in der Luft leisten kann. Und ob hier Maßnahmen und mögliche Wirkungen in einem angemessenen Verhältnis stehen. Ich behaupte: Nein! Gerade auch mit Blick auf Handwerk und Mittelstand, aber auch auf alle, die sich privat einen Diesel angeschafft haben, wäre es geradzu verantowrtungslos, jetzt einen Großteil des Werts des Fahrzeugbestands durch mögliche Fahrverbote oder überzogene Maßnahmen zu vernichten.

Ebenfalls in die Kritik geraten ist die als zu eng empfundene Verbindung von Autoindustrie und Politik. angefangen bei Verkehrsminister Dobrindt bis hin zur Beteiligung des Landes Niedersachsen an Volkswagen. Ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt die Anteile loszuschlagen?

Volker Schmidt: Realistischerweise wird keine große Volkspartei die VW-Beteiligung infrage stellen. Richtig aber ist, dass man über eine Neujustierung bei der Wahrnehmung der Aufsichtsratsmandate bei Volkswagen nachdenken sollte. Es ist schwierig, Augenhöhe herzustellen, wenn auf der einen Seite einige wenige Mitarbeiter der Staatskanzlei die Mandate betreuen müssen und ihnen auf der anderen Seite die geballte Kraft eines Weltkonzerns entgegensteht. Hier wieder für mehr Augenhöhe zu sorgen und die Verhältnisse neu zu ordnen, wird sicherlich eine zentrale Aufgabe der nächsten Landesregierung sein.

Sie sprechen über Vertrauen der Kunden in das Produkt Auto. Jetzt stehen die vom Spiegel erhobenen Kartellvorwürfe im Raum. Haben nicht die großen Hersteller alles dafür getan, ebendieses Vertrauen zu verspielen?

Volker Schmidt: Ja, es gab Absprachen zwischen den Herstellern, aber worum ging es denn da? Es ging um Fragen wie der, bei bis zu welcher Geschwindigkeit man ein Verdeck öffnen kann - also um sicherheitsrelevante Themen. Mir ist ganz wohl bei dem Gedanken, dass auf der Autobahn vor mir niemand bei Tempo 120 mit seinem elektrischen Cabriodach spielen kann. Der zweite Vorwurf, es hätte verbindliche Absprachen über die Größe des Harnstoffkanisters gegeben, ist nachweislich falsch. Wir müssen aufhören, eine ganze Industrie zu stigmatisieren und deren Kunden zu verunsichern. Allein in Niedersachsen leben über eine halbe Millionen Mitarbeiter und ihre Familien direkt von der Autoindustrie. Das sind gute Arbeitsplätze. Die in den letzten Wochen mit Verdächtigungen, Unterstellungen und Faktenlosigkeit geradezu hysterisch geführte Debatte bedroht aber genau diese Arbeitsplätze. Das schadet am Ende dem gesamten Land - und unsere ausländischen Konkurrenten schütteln nur noch den Kopf.

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